4.

 

Inzwischen hatte die Dunkelheit von der gesamten Tempelanlage Besitz ergriffen, obwohl am Himmel noch vereinzelt violette Schleierwolken schimmerten. Das Dauerbrummen des Verkehrs hatte nachgelassen, und allein das enervierende Gehupe und das Röhren von Motorrädern unterbrach gelegentlich die Beinahe-Stille.

Die Traube um die Tote löste sich allmählich auf. Nur wenige hielten das grausige Bild noch aus, teils aus morbider Neugier, teils weil die Fassungslosigkeit sie schier gelähmt hatte. Der Rest verlor sich wortlos und mit hängenden Köpfen in den Rudimenten. Der antike Ort machte durch die grausige Bescherung seiner Legende wieder einmal alle Ehre. Dieser Legende nach soll Julius Cäsar just am Largo Argentina von seinen Feinden 44 vor Christus ermordet worden sein.

Der Zeitgenosse, dem ich momentan ins Antlitz sah, schien von dem Grauensbild ebenfalls ergriffen, behielt jedoch einen stoischen Ausdruck bei. Er war von kräftiger Statur, ein richtiger Brocken, dessen Narben und abgeschabten Stellen im Fell ihm etwas von einem verwegenen Piraten verliehen. Das von Wundmalen und schlecht ausgeheilten Entzündungen gezeichnete Gesicht war von angsteinflößender Mißgestalt. Allein die Kupferaugen vom Umfang großer Glasmurmeln strahlten so makellos, als seien sie soeben frisch vom Werk geliefert. Kein Zweifel, ich hatte es mit einem alten Kämpfer zu tun, der deshalb so alt geworden war, weil seine Zähigkeit stets seine Gegner besiegt hatte. Wobei unter Gegnern auch unbehandelte Krankheiten und das harte Leben auf der Straße verstanden werden müssen.

Unkraut vergeht nicht! mochte man so einem zurufen und ihm auf die Schulter klopfen, hätte sich nicht seine einschüchternde Erscheinung in schmutzigem Grau solch eine Geste von sich aus verboten. Sein Scusi-Signore-Getue wirkte da nur wie ein freundliches Visier.

»Sie überraschen mich, Signore«, sagte er galant.

»Andere Ausländer wären bei diesem Anblick gleich umgekippt. Diese feinen Leute kennen die hiesigen Sitten nicht und schon gar nicht die unbarmherzigen Regeln der Straße. Die Glücklichen!«

»Glaub mir, mein Freund, das Böse ist keine römische Erfindung«, entgegnete ich und wischte mir mit der Pfote die letzten Tränen vom Gesicht. »Und was Mord angeht, gibt es bestimmt kein römisches Patent.«

»Mord …?«

Für einen Moment drohten seine Gesichtszüge zu entgleisen. Er wirkte verwirrt. Bis das Visier der Höflichkeit wieder herunterklappte.

»Ah si. Si, si, assassinio. Mord ist an der Tagesordnung in dieser città misera. Und wissen Sie auch, warum, Signore? Weil molta semplicione denken, daß sie ohne Schutz auskommen könnten. Dabei ist es so einfach, Schutz zu bekommen.«

Er vollführte mit dem Kopf eine konspirative Geste und vergewisserte sich, daß wir unbeobachtet waren. Dann neigte er sich zu mir und sprach leise aus einem Maulwinkel, als plaudere er das bestgehütete Geheimnis aus.

»Vertrauen sie mir, Signore, ich kann für Sie leicht Schutz arrangieren. Ich gehöre nämlich der Organisation an. Dafür müßten Sie natürlich die Hälfte des Futters mit uns teilen, das Sie finden. Ähm, concreto müßten Sie es mit mir teilen.«

Ich hatte einen Verdacht, worauf er hinauswollte, hielt es jedoch für einen Witz.

»Was für eine Organisation?«

Er verzog eine mitleidige Miene. Er hatte einem Kind die Sache zwischen Männchen und Weibchen verklickert, und es hatte immer noch nichts kapiert.

»Na die Organisation, Signore, die Mafia, die Cosa Nostra, die Schwarze Hand. Noch nie etwas davon gehört?«

»Gehe ich richtig in der Annahme, Signore, daß Sie mir ein Angebot machen, das ich nicht ablehnen kann?«

entgegnete ich.

»Exakt!« schoß es aus ihm heraus. »Wie Sie vielleicht schon gehört haben, pflegen wir in Italien gewisse Traditionen – nach denen sich diese arme Schwester hier wohl leider nicht gerichtet hat …«

»Und wie Sie vielleicht schon gehört haben, wurden in Italien Mitte der siebziger Jahre die Irrenhäuser abgeschafft. Seitdem dürfen die Patienten frei unter den Werktätigen weilen und ihren Irrsinn ausleben, ohne Elektroschocks befürchten zu müssen.«

Der da sprach, war zunächst nicht zu sehen. Der Pirat zuckte zusammen, als wäre ihm Don Corleone persönlich in die Parade gefahren. Binnen Sekunden fiel sein abgeschmacktes Mafia-Gebaren in sich zusammen wie ein falsch gebackener Kuchen außerhalb der Röhre. Mit einem Mal war er gar nicht mehr der einschüchternde Brocken, sondern ein frustrierter Schauspieler, dem die Maske entrissen worden war. Wer hatte ihm das angetan?

Ich schaute mich in der Erwartung eines noch schlimmeren Aufschneiders um. Selbst die hartnäckigsten Gaffer hatten sich inzwischen zurückgezogen. Der Pirat, die ausgeblutete Leiche mit dem Riesenloch im Kopf und ich waren eine Insel inmitten des antiken Schutts. Dann trat er aus der Dunkelheit hervor. Er mußte sich die ganze Zeit unter dem Pulk der Zuschauer befunden und abgewartet haben, bis diese verschwunden waren.

»Giovanni, du Kaiser der Schwachköpfe«, sagte er.

»Wie oft hast du diese Mafia-Masche bei Touristen schon abgezogen? Und wie oft war sie von Erfolg gekrönt? Null- oder null Komma nullmal?«

Ein elegantes Bürschchen trat in unsere Mitte. So schön und so sauber wie der junge Tag. Der Orientalisch Kurzhaar mit glänzend feinem, pechschwarzem Fell glich einem nur unwesentlich modifizierten Jagdhund. Sein Kopf war ein schmaler Keil, aus dem riesige Trichter von Ohren herauswuchsen und in dem türkisgrüne Augen mit der Leuchtkraft von Smaragden glühten. Der schlanke, geschmeidige Rumpf war langgestreckt wie eine Pipeline, ebenso die Beine, nicht zu vergessen der Schwanz, der einer nicht enden wollenden dünnen Schlange ähnelte. Er war die Pracht und die Herrlichkeit, und hätten Gucci, Dolce & Gabbana, oder wie diese Edelausstatter sonst noch heißen mögen, jemanden aus unserer Rasse als Topmodell für die Präsentation ihrer Fummel auserkoren, dann wäre es dieser Beau gewesen. Obwohl ich Lackaffen so mochte wie den Brechreiz, war er mir vom ersten Moment an sympathisch.

»Antonio, tu figlio di fornicato, mußt du mir jedesmal die Show verderben?« schrie der graue Pirat und schien vor Wut dem Infarkt nahe.

»Wieso jedesmal?« sagte Antonio. »Sähe ich so blendend aus, wenn ich jedesmal dem traurigen Theater beiwohnen würde, das du veranstaltest? Da kann man ja Pickel kriegen!«

Er wandte sich an mich.

»Sia salutato, Fremder! Willkommen in Rom, dem schönsten Ort der Welt. Jammerschade, daß dich gleich zu Beginn zwei Desaster heimgesucht haben. Erst der Anblick dieser bemitleidenswerten Schwester und dann Giovannis Marlon Brando für Volltrottel.«

Giovannis Gesichtsausdruck konnte sich nicht so recht entschließen, ob er weiterhin Zorn oder besser Resignation ausstrahlen sollte. Der bedrohliche Pirat schrumpfte vor meinen Augen zu einem armseligen komischen Kauz zusammen.

»Du mußt ihn entschuldigen, Fremder«, sagte Antonio und streifte mit manierierten Bewegungen um uns herum.

Sein leichtpfotiges Auftreten, die feminine Stimme und die pointierte Ausdrucksweise, seine ganze samtige Erscheinung, zeichneten ihn als grandiosen Dandy aus.

»Das gewissenlose Schwein, das ihn hier ausgesetzt hat, kam aus Sizilien. Das ist ein Stück von Wasser umschlossene Ödnis, wo die Leute nichts anderes tun, als Peperoni zu fressen, sich in einer aus fünfundzwanzig Wörtern bestehenden Sprache zu unterhalten und pausenlos diese vermoderten Godfather-Videos anzuglotzen. Ich fürchte, das hat auf den alten Giovanni enorm abgefärbt.«

»Ein Fremder bin ich schon«, sagte ich. »Aber ich besitze auch einen Namen: Francis! Wie ihr heißt, weiß ich bereits.«

Ich deutete mit dem Kopf auf die Leiche.

»Und was für ein heißes Pflaster Rom ist, inzwischen leider auch.«

»Ach das …«

In seiner Stimme klang zwar Traurigkeit mit, aber von jener Art, die das auferlegte Schicksal mit Würde trägt.

Antonio schien von dem Grauen bei weitem nicht so mitgenommen wie ich. Die Sache war für ihn nichts anderes als bedauernswerte Routine.

»Ja, das ist in der Tat bedauerlich, Francis«, sagte er, während er durch seine phosphorgrünen Augen ratlos auf die Leiche stierte. »Doch in einer so großen und chaotischen Stadt gehören derartige Vorfälle geradezu zur Normalität. Rom ist eine Hure und ein Monster. Aber auch ein Engel. Meine Erfahrung sagt: Es handelt sich um einen schlimmen Unfall auf den vielbefahrenen Straßen um uns herum. Oder um eine ins Tödliche ausgeartete Rauferei.

Muß wohl um die Mittagszeit passiert sein, während alle anderen die Siesta abhielten und im Traum die Glocken des Vatikans für sich läuten hörten. Könnte auch das Opfer eines Wahnsinnigen sein, der sich das Meucheln zum Hobby gemacht hat. Was weiß ich. Jedenfalls kein Grund, sich die Laune verderben zu lassen.«

»Vielleicht doch«, meldete sich der Pirat zurück, nachdem er sich von der ihm zugefügten Schmach erholt zu haben schien.

»Ich komme ja viel herum. Und aus dieser und jener Ecke höre ich so einiges Geflüster. In letzter Zeit scheinen immer mehr solcherart zugerichtete Leichen in der Stadt aufzutauchen. Ob diese hier mit den anderen etwas gemeinsam hat, weiß ich natürlich nicht. Und welcher Art die Verwundungen der anderen waren, kann ich natürlich auch nicht sagen. Aiutaci dio!«

Ja, Gott mochte uns helfen. Doch vor allem mochte er mich auf der Stelle von einem herabstürzenden Meteoriten erschlagen lassen, sollte ich der Versuchung nachgeben, wieder den Detektiv spielen zu wollen. Denn ohne daß ich meinen Gripskasten besonders anzustrengen brauchte, fielen mir in Antonios Erklärungsliste sofort Widersprüche auf. Ich fühlte, wie in mir jene nie richtig erloschene Glut aufzuflackern begann, die da unstillbare Neugier hieß.

Mein Leben lang hatte mich diese verdammenswerte Krankheit begleitet, und wie jede schlimme Krankheit hatte sie mir am Ende nichts als Schmerzen und Verzweiflung beschert. Oft hatte ich mich dagegen aufgebäumt und mir vorgenommen, meine empfindliche Nase aus blutigen Rätseln herauszuhalten. Und doch hatte ich zuletzt immer kapituliert und mich von der Neugier mit Haut und Haaren fressen lassen. Entsetzliche Narben –

die meisten davon an der Seele – waren stets die Folge gewesen. Sollte ich also sehenden Auges schon wieder in mein Unglück rennen, wo doch mein ursprünglicher Plan ein fröhliches »Salve Roma!« lautete?

»Mit einer deiner Mutmaßungen wirst du wohl sicherlich ins Schwarze getroffen haben, Antonio«, sagte ich nach der inneren Einkehr. »Obwohl …«

Ich wandte mich von der Leiche ab, wobei mir richtiggehend schlecht wurde, da ich vor dem Bösen bewußt die Augen verschloß. Ich war dabei, gegen meine eigenen Prinzipien zu handeln und zuzulassen, daß ein grausames Verbrechen ungesühnt blieb. Aber sei es das Alter, sei es der vergnügungssüchtige Blick auf den bevorstehenden Urlaub, zum ersten Mal verspürte ich keinen Drang, der Spur des Blutes zu folgen.

»Eigentlich bin ich hier, um mich vom Übel der Welt abzulenken, Freunde«, fuhr ich fort. »Und wie ihr euch denken könnt, ist auch für mich die beste Ablenkung die, die sich von meiner Magensäure zersetzen läßt.

Offengesagt, ich sterbe vor Hunger.«

Um Antonios rabenschwarzes Maul flog ein wissendes Lächeln, und in seinen Edelglubschern erschien ganz kurz ein Funkeln. Er hatte mein Schmierentheater durchschaut.

»Obwohl was, Francis?«

»Was, obwohl, was?«

»Du hast einen Satz mit ›Obwohl‹ angefangen und ihn dann nicht zu Ende geführt. Ich habe den Eindruck, daß du an meinen genialen Mutmaßungen etwas auszusetzen hast.«

»Meinst du?«

»Si, Signore, che ritiene, io!«

»Nun ja, es sind wirklich nur ein paar Unstimmigkeiten«, begann ich lustlos und ins Ungefähre.

Der Himmel war jetzt eine purpurviolette Tafel und mit spärlichen Sternen bestückt. Ein lauwarmer Wind kam auf und spielte mit unseren Fellhaaren. Die Ruinenstätte stimmte einen unhörbaren Dialog mit ihren Schöpfern über Jahrtausende hinweg an. Genau dieses stimmungsvolle Bild von der Cäsarenstadt hatte ich zu Hause in meinen Träumen immer wieder heraufbeschworen – natürlich ohne das traurige Detail des auf den Steinen liegenden leblosen Körpers. Inzwischen war die Beleuchtung in der Anlage angesprungen. An den Seitenmauern glühten längliche, ovale lachsorangene Neonlampen und sorgten für eine immerwarme Atmosphäre. Am Boden angebrachte Scheinwerfer strahlten dagegen einige besonders pittoreske Säulenreihen oder Rundbogenrudimente an und setzten helle Akzente.

»Beginnen wir mit der Unfall-Theorie: Sie erscheint mir, mit Verlaub, als barer Unsinn. Gesetzt den Fall es hat sie tatsächlich auf der Straße erwischt, dann muß sie wohl von einem merkwürdigen Gefährt angefahren worden sein.

Und zwar von einem, aus dessen Front spitze Gegenstände herauswachsen, sagen wir mal, Stangen. Anders ist das sauber geränderte Loch in ihrem Kopf wohl nicht zu erklären.«

Peinlich, peinlich: Mein erfolgsgewohntes Ego labte sich geradezu an den Gesichtern von Giovanni und Antonio, in denen sich Verblüffung und Bewunderung in rascher Folge abwechselten, was meinen Selbstdarstellungstrieb nicht gerade bremste.

»Gehen wir jedoch weiter davon aus, daß sie wirklich die tödliche Bekanntschaft eines so seltsamen Fahrzeugs gemacht hat. Folglich wurde sie nach dem Aufprall hoch durch die Luft direkt auf den Largo Argentina geschleudert, oder sie konnte sich noch bis zu dieser Stelle schleppen, wo sie schließlich verblutete. Wo aber ist dann, bitteschön, das ganze Blut geblieben? Ich sehe hier weit und breit kein Blut. Die Leiche wirkt vollkommen ausgeblutet. Das Gleiche gilt auch für die Rauferei-Theorie: kein Blut, nirgends, keine im Laufe des Kampfes herausgerissenen Haarbüschel, keine Urinspritzer, die unsereinem in Angst- und Streßsituationen abgehen.

Außerdem ist es unwahrscheinlich, daß ein Artgenosse imstande sein könnte, eine Wunde solchen Umfangs mit bloßen Zähnen und Krallen zu verursachen, selbst wenn er sich in höchster Rage befindet. Wie wir sehen, fehlt dem Opfer ein nicht unwesentlicher Teil der Schädelpartie.

Abgesehen davon, daß den siestahaltenden Kollegen hier eine derart brutale Auseinandersetzung kaum verborgen geblieben wäre.«

»Also ist der assassino doch ein Verrückter, ein durchgeknallter Mensch?«

Antonio ließ sich auf die Hinterbeine sinken und nahm eine grüblerische Pose ein. All sein Dandy-Getue war mit einem Mal wie weggeblasen.

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Spricht nicht viel dafür. Ein Mensch, der in diesem von jedem Winkel aus einsehbaren Areal eine Tierleiche ablegt oder sie über die Absperrgitter herunterwirft, wäre sofort aufgefallen. Es sei denn, er ist hier beschäftigt, und hat die Sache während seiner Arbeit klammheimlich nebenbei erledigt. Wann wurde die Tote überhaupt entdeckt?«

»Am späten Nachmittag, etwa eine halbe Stunde, bevor du gekommen bist.«

»Also hat sie jemand still und leise auf den Steinen deponiert, während alle anderen schliefen. Doch wo kam der Unbekannte her?«

Und schon steckte ich wieder bis über beide Ohren in dem blutigen Rätselsumpf, um den ich noch vor ein paar Minuten einen großen Bogen hatte machen wollen. Das Erschreckendste dabei war: Ich fühlte mich in dem Sumpf auch noch pudelwohl! Am liebsten hätte ich mir mit meinen eigenen Krallen das Gesicht zerkratzt. Und gleich darauf Antonios, weil dieser feine Signore es auf famose Art verstanden hatte, an den richtigen Knöpfen der primitiven Konstruktion namens Francis zu drehen, um das altbekannte Programm starten zu lassen.

Mein Blick schweifte über die gesamte Anlage auf der Suche nach einer Inspiration oder noch besser einem vernünftigen Beweis, der meine Hypothese mit Sinn füllte.

Schließlich verharrte er an den im Dunkeln kaum zu erkennenden großen Eisentoren und Rundbögen entlang des inneren Mauerkarrees. Es schien sich um Eingänge zu Räumen unterhalb der Straßen zu handeln. Ich deutete mit der Schnauze dorthin.

»Was befindet sich in diesen Kammern?«

»Kleine Schätze der Archäologen und ihre Werkzeuge«, entgegnete Antonio.

»Und wo führen sie hin?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Überall und nirgendwohin. Aber ich weiß, worauf du hinauswillst. Du fragst dich, ob diese Räume eine Verbindung zum Gedärm der Stadt besitzen. Da könntest du goldrichtig liegen. Roms Untergrund ist in der Tat ziemlich durchlöchert, Francis. Überall gibt es Katakomben und fast monatlich werden neue entdeckt.

Insgesamt sollen sie eine Länge von hundertfünfzig Kilometern haben. Es existieren nicht nur christliche, sondern auch gnostische, ja sogar jüdische Katakomben.

Du befindest dich in einer Stadt, die aus vielen übereinander gelagerten Städten besteht. Sie ist ein Moloch, ein Zeugnis großartiger Unordnung. Rein theoretisch könnten irgendwelche Korridore zu diesen Kammern führen, doch meines Wissens sind sie für Menschen verschlossen.«

»Vielleicht aber nicht für unsereinen. Ich meine, es wäre doch möglich, daß ein besonders orts- und geschichtskundiger Artgenosse irgendwelche unentdeckten Gänge und für das menschliche Auge leicht zu übersehende unscheinbare Öffnungen kennt. Durch die könnte er die Leiche, wie ein Junges am Nacken tragend, zunächst in diese Arbeitsräume und dann hier auf den offenen Platz gelangt sein.«

»Non capisco«, sagte Giovanni und gab ein unbehagliches Brummen von sich. Offenkundig hatte er sich mittlerweile von seiner Degradierung prächtig erholt.

»Gerade eben hast du gesagt, daß wir nicht imstande wären, so große Wunden herbeizuführen. Und nun soll unser edles Geschlecht doch für diese porcheria verantwortlich sein. Ich glaube, du machst dich wichtiger, als ich je dazu in der Lage gewesen wäre!«

»Wahrscheinlich hast du recht, Giovanni«, entgegnete ich. »Ich mache mich wirklich ein bißchen wichtig. Das hängt allerdings auch damit zusammen, daß ich vor Hunger kurz davor stehe, ins Delirium abzugleiten und euch das Ganze in Form eines französischen Chansons vorzutragen. Um auf das Wichtigtun zurückzukommen, meine schlauen Mutmaßungen scheinen tatsächlich wenig Sinn zu ergeben. Dennoch finde ich es wert, ein Resümee zu ziehen: Falls deine Informationen aus der Gerüchteküche stimmen, Giovanni, haben wir es hier mit einer handfesten Mordserie zu tun. Sofern jedoch alle Opfer dieselbe Art von Verletzung aufweisen, kann es sich bei dem Täter nur um einen Menschen handeln.«

Ich begab mich nochmals zu der toten Siamesin, beugte mich trotz einer Stich-Kaskade am Herzen über sie und begutachtete wiederholt das Grauen an ihrem Kopf.

»Ich muß mich in einem Punkt korrigieren«, sagte ich, nachdem ich die Wunde ausgiebig in Augenschein genommen hatte. »Am Schädelknochen selbst ist kein direkter Bruch zu erkennen. Die natürliche Wölbung darin, die die innere Ohrenapparatur mit dem daraus herauswachsenden Trichter beherbergt, ist durch die Mißhandlung lediglich in Mitleidenschaft gezogen worden. Es sieht so aus, als habe man ihr das Teil mit einem speziellen Werkzeug entweder herausgerissen oder herausoperiert. Wenn ich zu Späßen aufgelegt wäre, würde ich sagen, man hat ihr das gute Stück geklaut.

Kannte sie jemand von euch beiden?«

»Flüchtig«, sagte Antonio.

»Na ja, sie war sehr jung«, meldete sich Giovanni wieder zu Wort. »Und wie man immer noch sieht, molto bello.

Ich hab mich mal an sie rangemacht, bin aber abgeblitzt.

Ihren Namen kenne ich nicht. Und woher sie kam und wer sie hier ausgesetzt hat, weiß ich auch nicht.«

Antonio stimmte stumm und ratlos dem Piraten zu.

»Irgendwelche besonderen Eigenschaften?« hakte ich nach. »Ich meine, konnte sie mit diesem verschwundenen Ohr das Gras wachsen hören oder auf ihrer Nase einen Ball jonglieren oder etwas in der Art?«

Die Italiani wechselten untereinander fragende Blicke und schüttelten dann die Köpfe.

»Zurück zu meinem Resümee«, fuhr ich fort. »Auch deine dritte Theorie, Antonio, halte ich für wenig stichhaltig. Gewiß, in dieser Geschichte steckt nicht nur eine Portion, sondern eine Tonne Wahnsinn. Zweifellos existieren Tierquäler und -mörder mit einem Hang zum blutigen Fetisch, aber ich glaube kaum, daß diese dazu fähig wären, eine so saubere Arbeit abzuliefern. Mein Gefühl sagt mir, da steckt mehr dahinter. Und wie ein Mensch es geschafft haben soll, inmitten eines so gut beobachteten Platzes am hellichten Tag eine Leiche zu plazieren, bleibt ebenso ein Rätsel.«

Ich wußte, daß ich mir in einigen Punkten widersprochen hatte. Aber die halbgare Analyse stellte ja einen ersten Versuch dar, durch lautes Nachdenken diese Widersprüche ein bißchen zu ordnen. Die Rückverwandlung Antonios vom baff erstaunten Knaben zum coolen Dandy war sehenswert. Man sah es dem schwarzen Dünnling, dessen Fell jetzt im warmen Lampenlicht zu Pastellorange changierte, geradezu an, wie er seine im Strudel der Erkenntnisse eingestürzte blasierte Fassade wiederherstellte.

»Scusa, il mio amico«, sagte Antonio, erhob sich und kam ganz nah an mich heran. Ich versank im Grün seiner Augen, in denen sogar helle und dunkle Schleier zu rauschen schienen. »Kann es sein, daß du mit so etwas Erfahrung hast?«

»Womit?«

Er lächelte matt, als wolle ich ihn auf den Arm nehmen.

»Okay, okay«, entgegnete ich. »Die Wahrheit ist, daß ich ein paar Mal mit solch diffizilen Fällen in Berührung gekommen bin.«

»Und wer hat gewonnen?«

»Das Gute, hoffe ich, il mio amico.«

»È un détective!« rief er plötzlich so laut aus, daß nicht nur ich, sondern selbst der abgebrühte Giovanni zusammenzuckte. »Wir haben einen leibhaftigen Detektiv unter uns! Endlich zieht investigatives Know-how bei uns ein. Vergeßt London, wo dunkle Gestalten in Tweed durch den Nebel jagen, vergeßt New York mit all seinen Serienkillern. In Rom spielt ab jetzt der Kriminaltango!«

»Ohne meine Lupe und ohne Pelerine bin ich aber ziemlich aufgeschmissen, Dr. Watson.«

»Du brauchst dein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, Francis. Gerade eben hast du ein Meisterstück kriminalistischer Analyse abgeliefert. Vor mir steht ein Experte. Leugnen ist zwecklos, deine scharfsinnigen Betrachtungen sprechen für sich. Und weißt du was: Ich möchte bei dir in die Lehre gehen, möchte dein Dr. Watson sein. Wir beide, du, der Meister, und ich, dein Lehrling, werden dieser Mordserie ein Ende bereiten.«

»Wie kommst du eigentlich darauf, daß ich mich darauf einlasse, du Spinner?«

»Weil ich es in deinen Augen lese, Francis. Das Lodern der Neugier und das Strahlen des Ehrgeizes sehe ich darin.

Gestehe es dir ein, il mio amico: Du hast angebissen! Und vermutlich ist dieser Köder im Vergleich zu den früheren gar nicht einmal der Schmackhafteste. Du kannst halt nicht anders, du fliegst auf diese Fälle mit den vielen Widerhaken. Laßt uns also gemeinsam den finsteren Angler stellen, bevor er den ganzen See ausfischt.«

»Da wir inzwischen beim Angeln angelangt sind: Wie stehen die Chancen, daß mir innerhalb der nächsten Sekunden so ein Kollege mit Kiemen ins Maul hineinspringt, bevor ich vor Hunger zusammenbreche?«

»Du willst etwas fressen? Das ist alles?«

Antonio schaute mich an, als hätte ich behauptet, daß ich von Trollen abstamme.

»Nein, ich will euch vorher noch einen Vortrag über Garry Kasparovs Strategie bei seinem letzten Turnier halten. Natürlich will ich etwas fressen, und zwar sofort, was denkst du denn, du Idiot!«

»Aber, aber Francis, du befindest dich in Rom, dem kulinarischen Mekka des gesamten Planeten. Du wirst noch so viele Delikatessen in dich hineinschaufeln, bis du am Ende nach einer verfaulten Fischgräte lechzt.«

»Unter Delikatessen verstehst du nicht zufällig die Spaghetti Bolognese mit Grünstich dort oben auf den Treppenstufen?«

»Spaghetti Bolognese mit Grünstich?«

Er schüttelte sich angewidert, so daß sich für einen Moment jedes einzelne Haar seines Samtfells stachelgleich aufrichtete und ihn aussehen ließ, als hätte er an einer Steckdose geleckt.

»Ich glaube, mein lieber Francis, du hast wirklich Hunger, und der läßt dich inzwischen wirr reden. Also wonach verlangt dein Gaumen? Bei La Rosetta bekommen wir den besten Fisch. Wenn du auf Fleisch stehst, erstatten wir am besten Checchino Dal 1887 einen Besuch. Und die ganz hohe Küche ist bei La Pergola beheimatet.«

»Tja, schwere Wahl«, sagte ich, wobei ich gehörige Mühe hatte, daß mir das Wasser nicht wieder aus den Maulwinkeln lief. »Das Problem ist, daß mir während des Flugs meine Platin-Card abhanden gekommen ist.«

»Pah, nur Dummköpfe und Menschen bezahlen fürs Essen! Mir als ehrenamtlichem Gourmetkritiker liegen sämtliche Spitzenköche der Metropole zu Pfoten.

Schlemmen ist Kultur, und wer könnte die Qualität dieser Kultur besser bewerten als unsereiner mit seiner sensiblen Zunge. Jedenfalls schlucke ich eher Blausäure, als an diesem fürchterlichen Ort um Abfall zu betteln. Komm mit, Francis, folge mir und erfahre, wie dein Gaumen in die vierte lukullische Dimension vordringt.«

»Eccellente, Antonio!« sagte Giovanni. »Ich hatte zwar bis jetzt keinen blassen Schimmer, daß die ganze Fresserei die Kultur hebt, aber da mir die Kultur über alles geht, opfere ich mich ebenfalls und schließe mich euch an.«

»Nichts da!« entgegnete Antonio kalt und zog in Richtung eines Gesteinshügels los, der aus umgekippten und in grobe Scheiben zerbrochenen Säulen und verfallenen Gemäuerresten bestand. »Du bleibst schön hier und hältst die Augen offen. Es tut mir leid, alter Freund, aber als ich das mit der sensiblen Zunge sagte, lag die Betonung auf sensibel und nicht darauf, in welcher Rekordgeschwindigkeit diese Zunge egal welchen Dreck ins Maul befördert. Und was dein Magenknurren betrifft: Hat Francis nicht etwas von herumliegender Spaghetti Bolognese mit Grünstich gesagt? Denk immer dran, grün ist die Farbe der Hoffnung!«

Obwohl ich Antonios arrogantes Verhalten mißbilligte und obwohl der graue Pirat mir nun unendlich leid tat, so verbat es meine gegenwärtige Verfassung, den Moralisten raushängen zu lassen. Um ehrlich zu sein, hatte allein Antonios Aufzählung der Restaurant-Namen jegliche Moral in mir zerstört.

Dennoch brauchte ich einige Zeit, um mich von dem schwarzen Maskengesicht der toten Siamesin mit den aufgerissenen azurblauen Augen zu lösen. Diesmal blendete ich das große Loch in ihrem Schädel aus, stellte mir vor, wie sie einst die Sonne genossen haben mochte und den lauen Wind, das zärtliche sich Reiben an denen, die sie mochte. Ich malte mir aus, wie sie, ganz begehrenswerte Lady, ihre Wirkung an den Heißspornen getestet hatte, in dem sie sich in dieser antiken Oase in die aufreizendsten Posen warf. Ich stellte mir vor, wie sie unbeschwert jeden einzelnen Tag ihres Lebens gefeiert hatte. Nur bei der Vorstellung des schwarzen Nichts, in das sie eingegangen war, erlahmte meine Phantasie und ließ mich trotz des dringenden körperlichen Bedürfnisses in Schwermut verfallen. Ein letztes Adieu, ein letzter Blick auf diese verschwendete Schönheit, dann endlich folgte ich Antonio hinauf auf den Schutthügel, welcher zur Straßenkreuzung führte.

»Ach, Francis«, hörte ich hinter meinem Rücken Giovannis Stimme. Ich wandte mich zurück und sah ihn einsam neben der Leiche stehen wie der letzte Wächter eines versunkenen Reiches.

»Du hattest gefragt, ob mir bei dem Opfer irgendwelche besonderen Eigenschaften aufgefallen wären, als es noch lebte. Jetzt erinnere ich mich doch an eine Sache. Sie konnte zwar keinen Ball auf ihrer Nase jonglieren, aber akrobatisches Geschick hatte sie.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, diese jungen Dinger sind ja alle gelenkig, aber gegen die Schwester hier hätte nicht einmal ein Trapezaffe im Zirkus anstinken können. Ich habe noch nie eine Artgenossin gesehen, die so perfekt auf Stangen oder auf den Spitzen der Säulen balancieren konnte. Sie war sogar in der Lage, während eines Sprungs mehrmals um die eigene Achse zu rotieren und dann auf vier Pfoten zu landen. O ja, ungewöhnlich akrobatisch, das war sie. Und wunderschön.«

Er senkte den Blick traurig auf die Siamesin, und plötzlich wußte ich, daß weder der neunmalkluge Francis noch der eitle Romkenner Antonio noch irgendeiner von der dreckfressenden Bande im Largo Argentina in der Nacht für sie die Totenwache halten würden, sondern nur dieses von allen verspottete Narbengesicht.